Was essen Kinder in anderen Ländern – Chile

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Ich darf Euch heute wieder in ein anderes Land entführen, nämlich in das wunderschöne Chile. TANJA wohnt mit ihrer Familie in Santiago in Chile und erzählt uns heute wie es um das Thema Ernährung dort bestellt ist. Mich haben ihre Antworten sehr nachdenklich gemacht. Aber lest selbst…

 

Interview:

Liebe Tanja, du lebst mit deiner Familie in Chile. Kannst du uns etwas über Euer Leben dort berichten?

Mein chilenischer Mann, unsere 2-jährige Tochter und ich wohnen seit Juni 2016 in Santiago, der Hauptstadt Chiles. Nach etwa drei gemeinsamen Jahren in Berlin sind wir aufgrund der neuen Arbeitsstelle meines Mannes relativ spontan hergezogen.

Nach nun mehr als einem Jahr sind wir ein wenig angekommen in unserem deutsch-chilenischen Familienleben in Chile. Am Anfang waren wir mit viel Neuem konfrontiert, als noch relativ frische Eltern einer damals 10 Monate alten Tochter vor allem rund um das Thema „Baby“/ „Kind“. Vieles wird hier sehr anders gehandhabt als in Deutschland und wir mussten uns erst einmal orientieren und unseren eigenen Weg finden.

In Chile beträgt die Elternzeit 6 Monate. Die meisten Mütter steigen danach wieder in ihren Job ein. Die Betreuung der Kinder übernimmt ab diesem Zeitpunkt entweder eine Krippe oder, wie hier sehr verbreitet, eine sogenannte Nana, eine privat eingestellte Person, die meist den Haushalt und die Kinderbetreuung übernimmt. Für meinen Mann und mich stand von Anfang an fest, dass wir unsere Tochter nicht so früh und vor allem nicht ganztags (in Chile ist es sehr schwer, eine Teilzeitstelle zu bekommen, außerdem beträgt die reguläre Wochenarbeitszeit 45 Stunden) fremdbetreuen lassen möchten. Deshalb widme ich mich seit unserer Ankunft der Vollzeitbetreuung unserer Tochter, während mein Mann seinem Job nachgeht.

Während mein Mann auf der Arbeit ist kümmere ich mich also um den Haushalt und die Pflege unserer Tochter. In unserer Freizeit sind meine Tochter und ich gerne in unserem Stadtteil unterwegs. Wir haben das Glück, dass wir in einer sehr sicheren Gegend wohnen, mit vielen grünen Parks und Spielplätzen. Es gibt viele junge und internationale Familien, sodass wir auch schnell andere Mütter und Kinder kennengelernt haben. Meine Tochter genießt es, mit anderen Kindern spielen zu können und ich schätze den Austausch mit anderen Müttern und Ausländerinnen sehr. Ein oft auftauchendes und sehr kritisch diskutiertes Thema ist dabei das Thema Kinderernährung. Ich persönlich esse gerne lecker und gesund und würde Kochen und Backen als eines meiner Hobbies bezeichnen, dem ich auch gerne Zeit widme. Eine gesunde abwechslungsreiche Ernährung meiner Tochter ist mir wichtig und ich beschäftige mich gerne mit dem Thema.

Welches ist das Lieblingsessen deiner Kinder in Chile?

 Nudeln mag meine Tochter wie wohl fast alle Kinder immer. Ich koche meistens Vollkornnudeln und habe jetzt als Mama besonders eine Soße für uns entdeckt, von der ich zum einen wegen ihres Geschmacks aber auch wegen des geringen Kochaufwandes und der wenigen Zutaten ziemlich begeistert bin: Rote-Bete-Soße. Wenn die Rote Bete richtig aromatisch ist (hier in Chile sind Gemüse und Obst allgemein weitaus aromatischer als in Deutschland), püriere ich sie nach dem Kochen einfach nur. Wenn sie noch etwas mehr Geschmack braucht kommt noch etwas Salz und Pfeffer und manchmal ein Schuss Sahne dazu.

Was für meine Tochter auch immer und überall mit auf den Teller darf ist die Avocado, die „Kakako“, wie sie sagt. Das Tolle daran ist, dass die Avocado hier eine typische regionale Frucht ist und eben auch sehr aromatisch und cremig ist. Am liebsten pflücke ich sie direkt selbst vom riesen Avocadobaum bei meinen Schwiegereltern im Garten.

Ganz aktuell scheint meine Tochter auch auf den Geschmack von Empanadas gekommen zu sein. Empanadas sind gefüllte Teigtaschen. Der Kreativität der Füllung sind dabei wohl keine Grenzen gesetzt. Klassische Empanadas sind unter anderem die Empanada de Pino (mit Hackfleisch oder Fleischstückchen, Zwiebeln, einem Viertel eines gekochten Eis, einer Olive und ein bis zwei Rosinen gefüllte Taschen), die Empanada de Queso (eine meist aus Blätterteig bestehende mit Käse gefüllte Tasche) oder auch die Empanada de Camarón (eine mit Garnelen oder anderen Meeresfrüchten gefüllte Tasche). Allgemein essen wir eher selten Empanadas, denn für meinen Geschmack ist es meist etwas zu viel Teig. In manchen Situationen allerdings, wo hin und wieder die Energie und Muße zum frischen Kochen fehlt, sind sie durchaus mal ein praktisches schnelles und noch einigermaßen gesundes Essen auf die Hand.

Avocado-Baum

Was sind aus deiner Sicht die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Chile in Bezug auf Kinderernährung?

Der erste große Unterschied, der mir bezüglich der Kinderernährung zwischen Deutschland und Chile einfällt, ist, dass die chilenischen Kinderärzte Eltern bis einschließlich zum dritten Lebensjahr ihrer Kinder vom Verzehr von Kuhmilch abraten und ausschließlich industriell hergestellte Milchnahrung empfehlen. Kuhmilch habe zum einen zu viele Proteine, die industriell hergestellte Milchnahrung zudem weitere notwendige Vitamine, die Kuhmilch nicht bieten könne. (Oft wird die Kritik laut, dass die Kinderärzte großteils von der Industrie gesponsert werden und ihre Empfehlungen deshalb entsprechend ausfallen.)

Ich habe meine Tochter etwa 14 Monate gestillt und wie in Deutschland üblich habe ich nach ihrem ersten Geburtstag langsam angefangen, ihr auch Kuhmilch zu geben.  Was ich und viele andere ausländische Mamas in diesem Zusammenhang sehr bedauern, ist, dass es hier keine frische Vollmilch, sondern nur haltbare Milch gibt. Außerdem ist es schwierig, reinen Naturjoghurt zu finden. Fast alle handelsüblichen Joghurts beinhalten Zucker, Gelatine etc. Nach anderen Joghurts muss man lange suchen und vor allem tief in die Tasche greifen. Deshalb ist es auch mein Plan, Joghurt bald selbst zu Hause herzustellen.

Überhaupt ist der Zusatz von Zucker in den meisten Produkten, eben auch der Baby- und Kindernahrung, für mich das größte Problem, was die Kinderernährung angeht. Es ist z. B. sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, einfache Snacks (wie z.B. Getreidecracker) für Kinder zu finden, die keinen zugesetzten Zucker enthalten. Mein Mann sagt immer dort, wo das Zuckerniveau in Deutschland aufhört, also sein Maximum erreicht, fängt das chilenische gerade erst an. Bei Kindern wird hier leider keine Ausnahme gemacht. Es ist kein seltenes Bild, bereits Kinder im Kleinkindalter mit einer Flasche Coca Cola in der einen und einer Tüte Chips oder einem Schokoriegel in der anderen Hand zu sehen.

Außerdem vermisse ich (wohl besonders als Deutsche) das Vollkornbrot. Es gibt zwar hier und da etwas in die Richtung zu kaufen, aber das typische chilenische Brot ist reines Weißbrot.

Wie sieht es mit Obst und Gemüse aus? Findest du die Kinder in Chile essen ausreichend Gemüse und Obst?

Da wir hauptsächlich Kontakt mit ausländischen Familien bzw. mit Familien mit ausländischem Einfluss haben, habe ich nicht viel Einblick in den typischen chilenischen Ernährungsalltag mit Kindern. Mein Eindruck ist aber, dass Obst und Gemüse sowohl in der Quantität als auch in der Vielfalt auf dem Essensplan nicht sehr präsent sind. Auch hinsichtlich mitgebrachter Snacks für unterwegs, die ich öfter auf dem Spielplatz zu sehen bekomme, stehe ich mit meinen Bananen, Äpfeln, Mandarinen, Möhren, Gurken etc. eher alleine da und beobachte, wie oben bereits angesprochen, eher die Gewohnheit, dass ständig auf Süßigkeiten zurückgegriffen wird.

Markt-in-Chile

Was sind typische Gerichte an Kindergeburtstagen?

Der typische chilenische Kindergeburtstag, auch bereits der von 1- oder 2-Jährigen, ist in vielerlei Hinsicht sehr künstlich und überladen. Er wird groß gefeiert, oft wird sogar ein Programm mit Kinderunterhaltung geboten (z. B. ein engagierter Clown) und meist gibt es einen langen Tisch mit lauter Süßigkeiten von Chips, Schokolade und Weingummi bis zur großen Sahnetorte, die meist zu einem Großteil aus extrem süßem Baiser besteht. Soweit ich weiß gehört es hier zu einem Geburtstag nicht klassischerweise dazu, auch ein richtiges Gericht anzubieten.

Mit welchen Mahlzeiten starten Kinder in Chile in den Tag?

Auch was das typisch chilenische Frühstück angeht habe ich leider keinen tieferen Einblick. Was ich aber hier und da schon öfter beobachten konnte, ist, dass Kinder bereits morgens einen kleinen Tetrapack Kakao trinken, der wie das Meiste sehr stark gesüßt ist, und dass auch gesüßte Cornflakes sehr verbreitet sind.

Verrate uns bitte ein chilenisches Gericht, das wir mit unseren Kindern unbedingt ausprobieren sollten.

Bei uns zu Hause ist der Linseneintopf nach chilenischer Art zu einem unserer Lieblingsgerichte geworden. Dafür werden zunächst in einem großen Topf braune Linsen zusammen mit ein bis zwei großen Kartoffeln oder einigen Stücken Kürbis und ein bis zwei Hand voll Reis gekocht. Getrennt davon werden in einer großen Pfanne kleingehackter Knoblauch und Zwiebeln in etwas Öl angebraten und in einem weiteren Schritt zwei bis drei sehr klein gewürfelte oder geraspelte Möhren und ein bis zwei ebenfalls sehr klein geschnittene Paprikaschoten mit angebraten. Etwa eine halbe Stunde vor Ende der Garzeit der Linsen wird alles zusammen im großen Topf vermischt und mit Salz und Pfeffer gewürzt. Traditionell wird der Eintopf beim Servieren noch mit etwas Parmesan bestreut und zusammen mit Chorizos und/oder einigen Stückchen gekochter Eier gegessen. Dieses gehaltvolle Gericht essen wir vor allem gerne im Winter.

Ein paar weitere Gedanken zur (Kinder-) Ernährung in Chile:

So wie ich es beurteile ist das Bewusstsein für gesunde Ernährung und eben auch speziell in Bezug auf Kinder in der Breite der chilenischen Gesellschaft noch nicht vorhanden bzw. steckt noch in den Kinderschuhen. Ich beobachte, dass es immer mehr Initiativen gibt, die sich dem Thema widmen, wie z. B. Bio-Marken (es gibt zum Beispiel Obst- und Gemüsequetschies ohne Zusatzstoffe) oder Bioläden und -restaurants. Leider siedeln sich solche Initiativen eben bisher auch nur dort an, wo es bereits ein Bewusstsein gibt, die Nachfrage besteht und eben auch die finanziellen Mittel vorhanden sind, um sich eine solche Lebensweise leisten zu können, eben in den finanziell besser gestellten meist international bewohnten Teilen Santiagos. (Chile ist in vielerlei Hinsicht ein im Vergleich zu Deutschland (teilweise absurd) teures Land, auch was (qualitativ hochwertige) Lebensmittel angeht.)

Ich denke, dass auch aufgrund der hohen Wochenarbeitszeit, zu der in Santiago noch die langen Arbeitswege hinzukommen und des damit einhergehenden Zeitmangels die Auseinandersetzung mit gesunder Ernährung oft hinten herunter fällt und zudem durch die oben beschriebene Betreuungssituation, die frühe und oft ganztägige Fremdbetreuung, die Sorge um das Thema der Ernährung der Kinder abgegeben wird.

Nicht zu vergessen ist auch, dass es in Chile eine extreme Schere zwischen Arm und Reich gibt und dass der Großteil der Bevölkerung zum armen Teil zählt, der sich wahrscheinlich mit weitaus existenzielleren Problemen als gesunder Ernährung auseinandersetzen muss, ganz zu schweigen vom Vorhandensein finanzieller Mittel für eine gesunde ausgewogene Ernährung.

Wir als deutsch-chilenische Familie leben hier letztendlich in vielen Hinsichten (zum einen leider, zum anderen auch zum Glück), eben auch, was das Essen angeht, in einer Blase. Viele der beschriebenen Faktoren rund um das Thema (Kinder-) Ernährung hier in Chile stören mich, allerdings haben wir mit der Zeit zumindest zum Großteil einen ganz versöhnlichen Umgang damit gefunden. Ich weiß inzwischen, wo ich gewisse Produkte herbekomme und mache angefangen vom Vollkornbrot bis hoffentlich bald zum Joghurt immer mehr selbst zu Hause. Das nimmt natürlich zum einen viel Zeit in Anspruch, ist mit hohen Kosten verbunden und es ist auch weiterhin nicht einfach, immer an die notwendigen Zutaten zu kommen, aber es lohnt sich!

Liebe Tanja, ein herzliches Dankeschön für deine Erzählungen. Es ist schade zu sehen, dass in einem Land, das so viele frische und gesunde Lebensmitteln zu bieten hat, der Konsum von industriell hergestellten Lebensmitteln stark überwiegt. Im Hinblick auf die Gesundheit der Kinder würde ich mir sehr wünschen, das sich das in Zukunft ändert. 

Habt in vielleicht auch Erfahrungen mit der Ernährung in einem anderen Land gemacht und möchtet uns gerne berichten. Oder habt Ihr noch Fragen zum Interview oder Anmerkungen .

Tanja und ich freuen uns über Eure Kommentare.

Macht es gut und bleibt gesund.

Eure Julia

 

 

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